Mein neuer Host holt mich um 19.00 Uhr vom Flughafen ab. Mein neues Domizil befindet sich in Brighton, einem Vorort im Nordosten von Brisbane, direkt an der Küste. Die Familie, bei der ich mich wieder über AirBnB eingebucht habe, lebt erst seit acht Jahren in Australien. Sie haben ihre Heimat Südafrika verlassen, weil sie dort für sich und ihre Kinder keine Berufs- und Bildungsperspektiven mehr sahen. Der Hauptgrund war jedoch die sich ihrer Meinung nach ständig verschlechternde Sicherheitslage. Nach 40 Jahren kehrten sie ihrer Heimat den Rücken zu und ließen Eltern, Geschwister und Freunde zurück in einem Land mit ungewisser Zukunft. Das Haus mit einer Grundfläche von ca. 120 qm ist dem Stil eines historischen Queensländerhauses nachempfunden: Inmitten eines Grundstücks mit ca. 2000 qm, steht das Haus. Es ist komplett aus Holz gebaut und auf Säulen gestellt, vor allem um die lästigen Kriechtiere und Echsen abzuhalten. Allen Türen, Fenstern und sogar den Abluftrohren ist ein feines Stoff- oder Metallgitter vorgespannt, um Spinnen, Käfer, Moskitos und andere Insekten fernzuhalten. Bald wird es auch mich zur Routine darauf zu achten, dass Fenster und Türen nur zum Betreten und Verlassen des Hauses geöffnet und sofort wieder geschlossen werden müssen. In der Regel sind die Häuser in den Vororten eher eingeschossig, in diesem Fall gibt es aber einen ersten Stock, um die Besucher aus der alten Heimat auch adäquat unterbringen zu können. Ein weiteres Merkmal des Queensländerhauses ist die große Veranda. Manchmal sind es auch mehrere, um das angenehme Klima draußen auch ausgiebig nutzen zu können.

Am nächsten Morgen beginne ich Ort und Umgebung wieder zu Fuß zu erkunden. Das Meer liegt nur ca. einen km entfernt. Als ich dort ankomme ist gerade Ebbe. Viele Einheimische nutzen dies zu einem Wattspaziergang. Ich überlege mir, ob ich mich auch auf diesen scheinbar matschigen Untergrund wage. Als ich sehe wie eine Familie mit Hund und barfuß auf dem grauen Untergrund, scheinbar ohne im Schlamm zu versinken, hinaus Richtung Wasser marschiert, entschließe auch ich mich meine Schuhe auszuziehen und den Meeresgrund zu betreten. Er entpuppt sich als äußerst fest und ist eher sandig als matschig. Bei näheren Hinsehen fallen viele kleine Löcher auf, die sowohl unter als auch über der Wasseroberfläche liegen. Als ich einen Moment innehalte und hinaus auf das Meer blicke, kommen plötzlich Dutzende, dann Hunderte von kleinen Krebsen aus den Löchern auf mich zu gekrabbelt. Als ich erschrocken zwei Schritte zurückweiche, flüchten auch sie vor mir und verschwinden wieder in ihren kleinen Höhlen. Dieses Spiel wiederhole ich noch einige Male, um die Krebse etwas näher zu Gesicht zu bekommen. Meine Vorsicht erweist sich dann doch als übertrieben. Als die beiderseitige Aufregung nachlässt laufe ich weiter nach draußen, wo mittlerweile ein Dutzend Kite-Surfer von links nach rechts und wieder zurück rasen und einige sogar durch die Lüfte fliegen. Danach esse ich in Doug`s Seafood Café noch Shrimps auf Salat, was äußerst lecker schmeckt, aber am nächsten Tag noch durch den Tintenfisch auf griechischen Salat getoppt wird. Während ich als einziger nachmittags um vier Uhr meinen Fisch verzehre, sitzen die meisten Gäste an ihrem Cappuccino und Kaffee und essen dazu Törtchen oder Kuchen.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Zug nach Brisbane und laufe von der Innenstadt am Brisbane River entlang bis zum alten Regattagelände und von dort weiter zum Mt. Choota, an dem sich der Botanische Garten und auch ein toller Lookout auf die Skyline der Stadt befindet. Das Regattagelände mit dem Regatta Hotel wurde schon um 1870 gebaut und ist damit eines der traditionsreichsten Sportstätten in Australien. Von dort fahre ich mit einer City Cat Fähre zurück in die Innenstadt, mache eine kurze Sightseeing-Tour und fahre dann mit dem Zug wieder nach Brighton. Mit den Fähren zu fahren fand ich schon in Sydney sehr spannend. Hier sind die Flussfähren sehr viel kleiner als die dortigen Golffähren, aber draußen auf Deck auf einer der Bänke sitzend, eine frische Brise Wind um die Nase wehend, genieße ich den Blick auf die Stadt, ihre Brücken und Parks entlang der Strecke, und hänge zufrieden meinen Gedanken nach. In Brisbane gibt es mehrere Fährgesellschaften, die mit ihren Booten die verschiedenen Stadtteile ansteuern. City Cat ist der öffentliche Betreiber, der das längste Streckennetz und die meisten Anlegestellen bedient. Die Boote fahren im Zickzack von einer Seite auf die andere, im Innenstadtbereich halten sie nahezu alle 500m, weiter draußen in den Vororten ist man bis zur nächsten Haltestelle schon mal einige Kilometer unterwegs. Das Bezahlprinzip ist das gleiche wie in Bussen und Bahnen auch: Tap-On and Tap-Off. In Brisbane ist das System noch etwas innovativer als in Sydney. Hier wird neben der Streckenlänge auch berücksichtigt zu welcher Tageszeit man unterwegs ist und entsprechend wird zu den Hauptverkehrszeiten ein höherer Betrag von der Karte abgebucht als zu den sonstigen Zeiten.

Tags darauf leihe ich mir ein Fahrrad der Familie aus und fahre damit die Strandpromenade in nördlicher Richtung ab, kaufe mir eine Flasche Wein, etwas zu knabbern und lege mich für einige Stunden an den Strand. Ein schöner geruhsamer Nachmittag, wären da auf dem Rückweg nicht einige kamikazeartige Angriffe einer Elsternart, die sich durch meine Nutzung des Fahrradwegs oder der Straße bei ihrer Brutbetreuung gestört fühlt. Zum Glück ist es in Australien vorgeschrieben einen Fahrradhelm zu tragen, daran beißen sich die Nervensägen im wahrsten Sinne des Wortes ihre Schnäbel aus bzw. wetzen sich ihre Krallen ab!

An meinem letzten Tag fahre bin ich noch einmal mit dem Bus nach Brisbane. Es ist Samstag und es findet gerade das Brisbane Kulturfestival statt. An der South Bank sind Ausstellungen, in der Innenstadt Theateraufführungen und an anderen öffentlichen Plätzen spielen Musikanten jeglicher Couleur. Ich besuche die Gallery of Modern Art, die gerade eine Sonderausstellung zu zeitgenössischer Aborigine Kunst beherbergt. Unter anderem sind bemalte Kühlerhauben von Autowracks aus Zentralaustralien zu sehen. Danach schlendere ich weiter ins alternative und bunte West End, wo ich Stunden in Plattenläden, Restaurants und Cafés verbringe. Bei meinem Rückweg durch South Park treffe ich auf ein öffentliches Schwimmbad, das wie eine Lagune angelegt ist. Im Gegensatz zu unseren Schwimmbädern wird es aber nicht durch einen Zaun wie ein Hochsicherheitstrakt abgeschottet, sondern geht tatsächlich in seinen Randbereichen von den Liegewiesen einfach nur in den umliegenden Park über und kann somit von jedermann genutzt werden. Sehr generös! Ich steige wieder in eine City Cat Ferry und fahre den Fluss hinauf zum Powerhouse, einem zu Beginn des letzten Jahrtausends erstellten Industriekraftwerk, das zum Restaurant und Veranstaltungsort für Theater-, Musik- und Musicalaufführungen umgebaut worden ist. Zu Fuß mache ich mich weiter auf den Weg nach China-Town. In Brisbane ist das Viertel eher unter der Rubrik unspektakulär einzustufen. Es ist auf eine ca. 100m langen Einkaufs- und Schlemmermeile reduziert, die aber zumindest an der einen Seite mit einem nicht unspektakulären Eingangstor versehen ist. Um diese Straße herum befinden sich noch einige weitere Einzelgebäude, die sich mit ihren riesigen, von chinesischen Schriftzeichen bemalten Werbe- und Hinweistafeln leicht als zur chinesischen Kolonie dazu gehörend erkennen lassen.

Nach einer Woche Brisbane fahre ich heute mit dem Greyhound Bus nach Noosa. Die Fahrt dauert drei Stunden und das bei Dauerregen, eher ungewöhnlich für die sonnenverwöhnte Sunshine Coast. Noosa ist eine dieser vielen australischen Kleinstädte, die man als solche gar nicht wahrnimmt. Hier handelt es sich um eine Ansammlung von mehreren Siedlungen, unter anderem Noosa Heads, Noosaville, Sunshine Beach und einige mehr, die zumindest administrativ zu einer Einheit zusammengeführt wurden. Es gibt keinen Ortskern, geschweige denn einen zentralen Platz, vielmehr scheint die Busstation „Noosa Junction“ und die an ihr vorbeiführende Straße ein Agglomerationsschwerpunkt zu sein. Dort befinden sich entlang einer Einkaufsmeile und um den anschließenden Kreisverkehr herum zumindest das Rathaus, eine Unieinrichtung, einige Backpackerhotels, Restaurants, Bars, Cafés, Supermärkte und Boutiquen. Der von den Touristen stärker frequentierte Teil Noosas liegt auf der anderen Seite des Hügels zwischen der Lagune, dem Fluss und dem Meer. Die Region verfügt über mehr als 50Km Sandstrände, wobei Einzelne 10km und länger sind. Im gebirgigen Umland liegen noch einige Seen, kleine Dörfer und ein Nationalpark, die durchaus Charme und Esprit versprühen und diese Region zu einem sehr attraktiven Gesamtpaket sowohl für Familien, Backpacker, Studenten und Aktivurlauber, insbesondere Surfer, machen. Zwischen und um diese beiden Pole herum haben in den letzten Jahren betuchtere Australier und internationale Stars aus Film und Fernsehen große Grundstücke erworben und dort ihre Villen gebaut. Das Zentrum der „Strandstadt“ zieht sich entlang der Hastings Street. Dort reihen sich Hotels, Restaurants, exklusive Apartments, Reisebüros, Boutiquen, Pups, Diskotheken, Cocktailbars und eben die Wohnhäuser der Wohlhabenden, wie an einer Perlenschnur gezogen, aneinander. Dahinter liegt der Stadtstrand, ein ca. 20-30m breiter Sandstrand, der sich über mehr als zwei Kilometer hinzieht. Nur ein kleiner Bereich von ca. 20m ist mit zwei Flaggen abgegrenzt und damit offiziell als beaufsichtigter Badestrand ausgewiesen. Das Wetter heute ist so wie es der Name der Region verspricht: ca. 22 Grad, keine einzige Wolke am Himmel, der Strand daher gut besucht. Als ich dort ankomme herrscht unter einigen Badegästen Aufregung. Ein Teenager ist mit seinem Kajak ca. 200m auf das offene Meer abgedriftet. Es hat für mich nicht den Anschein, dass sich der Junge dort alleine auf dem Meer wirklich Sorgen macht. Aber plötzlich tauchen 20m neben ihm zwei Wale auf. Der Lifeguard und andere Gäste rufen und winken dem Jungen zu. Dann sieht auch er das Muttertier mit seinem Kleinen. Für einige Sekunden bleibt er wie versteinert in seinem Boot sitzen, dann rudert er langsam, parallel zum Strand, den beiden Meeressäugern hinterher. In der Zwischenzeit hat ihn ein zweites Kajak erreicht und begleitet ihn schließlich zurück zum Strand. Die Wale ziehen in Sichtweite weiter stoisch ihren Weg entlang der Küste Richtung Norden. Der Krankenwagen, der oben auf der Klippe zu sehen war, fährt wieder weiter. Das war „Whale watching Teil Drei“!

Am nächsten Morgen besuche ich noch den Sunshine Beach, der gleich um die Ecke bei meiner Unterkunft liegt. Auf dem Weg dorthin attackieren mich wieder diese fiesen Elstern, als ich auf dem Bürgersteig die Straße hinunterlaufe. Wie Tiefflieger stürzen sie sich von den Überlandleitungen herab auf meinen Kopf. Meistens sind es die schwarz-weißen Männchen, aber gelegentlich auch die kleineren grauen Weibchen. Ich zische und fuchtle mit den Händen herum, aber sie attackieren mich immer wieder von Neuen und treffen mich mit ihren Krallen mehrmals am Kopf. Ich laufe schneller, doch diesmal verfolgen sie mich sogar die Straße hinunter. Erst in der Nähe des Strandes lassen sie von mir ab. Als ich mir an den Kopf greife sehe ich Blut an meinen Händen. Ich verkürze meinen Strandbesuch und gehe zurück in meine Unterkunft, wasche die Wunde aus und packe meine Sachen für die nächste Überlandbusfahrt.